“Was wünschen Sie sich für Ihren Sohn?”

Heute nun das Gespräch mit der Frühförderstelle. Zum Schutze unserer Privatsphäre (vor allem Bubes) gehe ich hier nicht auf Details ein. Nur so viel: der Förderbedarf ist doch größer, als vermutet. Auf der einen Seite kann ich es kaum fassen und halte es auch nicht für in Stein gemeißelt. Auf der anderen Seite WEIß ich, als seine Mutter, wir, als seine Eltern, dass er Einschränkungen hat. Wir erleben ihn jeden Tag, ihn, der auf andere so völlig normal wirkt und sehen eben, dass seine Entwicklung NICHT “normal” und “unproblematisch” verläuft, sehen diesen tollen, wundervollen Jungen und sehen auch, was ihn zurück hält.

Versteht mich nicht falsch, mein Sohn ist nicht behindert und weder wollen wir ihn dazu machen, noch wollen wir ihm die Anerkennung, die seine Besonderheiten erfordern nehmen. Er hat Einschränkungen, die ihn belasten und die sich- so weit sich so etwas denn messen lässt- objektiv von Ärzten und Therapeuten messen lassen. Es wurde ein ausführlicher Hilfeplan aufgestellt, so dass der Bube bald alle nötige Hilfe bekommt, die er bekommen soll. Er soll Hilfe bekommen, ohne Stempel, ohne Druck.

Wir als Eltern wurden sehr sensibel behandelt, alle Gespräche waren sehr respektvoll. Meine Sorge war, dass wir eventuell zu wenig in die Therapien einbezogen würden- Gott sei Dank wurde meine Sorge direkt verworfen. Man freue sich und erwarte auch Interesse.

Eine Frage fand ich sehr aufschlussreich und ich hatte auch nicht sofort eine vollständige Antwort parat.

Was wünschen Sie sich für Ihren Sohn?

Ja, was wünsche ich mir, was wünschen wir uns für unser geliebtes Kind? Ich wünschte er hätte weniger Windmühlen, gegen die er kämpfen muss– aber das kann ich nun nicht ändern. Ich wünsche mir, dass er gesund groß wird, dass die Welt in ihm mehr als den Jungen mit Förderbedarf sieht. Ich wünsche ihm alles Glück in diesem Universum.

Ich wünsche mir, dass aus meinem Jungen ein Erwachsener wird, der sich gut um sich und um seine Umwelt kümmern kann. Der fühlt und lacht und lebt und liebt. Der weiß, dass er traurig sein darf- und dass am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht. Ich hoffe, dass er sein Leben mit Selbstachtung und Selbstwert lebt, dass er erkennt wie wertvoll, wunderbar und einzigartig er ist. Dass er seine Stärken nutzt- und aus seinen Schwächen lernt. Dass er fühlt und weiß, dass er kein Zufall ist, dass er geliebt und geschätzt wird.

Ich hoffe, dass mein Sohn ein Mann mit Fehlern und Schwächen wird. Einer, der mit Kindern auf dem Boden Lego spielt und trotzdem guten Gewissens fluchen kann, wenn er barfuß auf einen Stein tritt. Ich hoffe, dass er seinen Kindern beibringt, nicht nach Tauben in der Stadt zu treten, sondern diese Tiere mit genauso viel Respekt behandelt, wie jedes andere Tier. Ein echter Mann, der weiß, dass Menschen, Tiere und Natur wertvoll und schutzbedürftig sind. Einer, der sich traut “Nein” zu sagen, wenn etwas falsch ist. Einer, der sich entschuldigen kann.

Ich wünsche ihm, dass er mit 80 noch genauso staunen kann wie als zweijähriger Dötz, wenn er einen Regenwurm sieht. Einer der vorsichtig durch den Wald geht, um keine frischen Triebe abzubrechen oder Wild zu verscheuchen. Einer, der eine gute Frau (oder einen guten Mann) findet, die/den er liebt und mit der/dem er glücklich wird.

Ich hoffe, dass er lernt, dass Gute vom Schlechten zu unterscheiden- und dass beides nicht in Stein gemeißelt ist. Ich hoffe er kann vergeben, verzeihen. Ich hoffe, er lernt die Hand zu reichen, auch im Streit. Ich hoffe, er kann sich mit dem milden Blick betrachten, mit dem ich ihn sehe – sich selber lieben und sich selber verzeihen kann.

Ich hoffe, dass er sich einmal an seine Eltern zurück erinnert. Er wird viele Fehler finden. Ich wünsche mir so sehr, dass er sich an eine Kindheit erinnert, in der er als ER wahrgenommen und geachtet wurde. An Eltern, die ihr Bestes gegeben haben – und trotzdem Fehler machten. Wenn er verzweifelt ist, dann will ich, dass er seine/n Partner/in um Hilfe bittet – immer mit dem Wissen, dass wir, Mama und Papa, für ihn da sind. Immer. Ich werde dieses Kind lieben, bis auch das letzte bisschen meiner bescheidenen Existenz, das letzte Molekül meines Wesens, nicht mehr zu erahnen ist.

Ich wünschte ich könnte ihm alle diese Kämpfe abnehmen. Aber so kann ich nur bei ihm sein, seinen Nacken kraulen, ihm “Ich liebe dich” ins Ohr flüstern und ihn so nehmen, wie er ist. Perfekt, mit all seinen Schwächen. Perfekt, egal wie seine Wahrnehmung funktioniert. Mein Sohn, der nicht ist, wie ich ihn gerne hätte- sondern so viel besser.

 

“Eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!” [Reinhard Mey, Zeugnistag]

 

Und ihr? Was wünscht ihr euch für eure Kinder?

Bube hat einen Termin

Nun ist der kleine Mann ja schon eine ganze Weile in der KiTa. Einige Probleme haben sich schon von ganz allein geklärt, andere bedürfen noch etwas Hilfe. Da wir in einer integrativen KiTa sind, sind die Möglichkeiten einfach optimal. Alles ist vor Ort, maximal im Nebengebäude- das schließt die Frühförderstelle mit ein. Eben da haben wir den ein oder anderen Termin. Obwohl wir das überhaupt nicht schlimm finden, war die Aufregung groß – was, wenn der Bursche das Gefühl bekommt “nicht normal”, “anders” oder gar “krank” zu sein? Welche Einschränkungen er auch immer haben mag, wir wollen nur, dass er sich normal und in seinem Tempo entwickeln darf, die Förderung erhält, die er braucht, ohne über-fördert zu werden. In jedem Menschen steckt so viel Potential und seines soll er komplett nutzen können.

Wie geht man also damit um? Überall wurde uns versichert, man wolle unser Kind nicht “behindert reden”, da wäre auch nicht der leiseste Verdacht. Daran, das muss ich zugeben, habe ich nicht im Entferntesten gedacht. Offensichtlich wurden da schon einschlägige Erfahrungen mit anderen Eltern gemacht. Unsere Sorge war, dass es für ihn nicht völlig normal sein könnte, dass er etwas Unterstützung braucht oder dass sie ihn durch irgendeinen diagnostischen Zauber schicken, der am Ende nix bringt.

Wie kommuniziert man also seinem Kind, dass da “mal genauer drauf geguckt” werden muss?

Wir leben und begleiten nach einem Motto:

Egal wie du bist- du bist gut so

Also haben wir ihm positive Nachrichten vermittelt: du darfst hingehen, wir haben einen Termin. Du kannst da mit anderem Spielzeug als zuhause spielen.

Was soll ich sagen? Bisher hat er alle Termine total toll gemeistert – obwohl seine Laune nicht immer die beste war. Und wir sind stolz. Auch darauf, dass er ein völlig gesundes und normal entwickeltes Kind ist. Es gibt mehrere Vermutungen und keine davon ist “schlimm”. Ich habe so viel negatives von SPZ und Frühförderstellen gelesen und machen nun eine komplett andere Erfahrung. Wir fühlen uns rundum gut betreut.